„Ich spüre – Gott ist da und begleitet mich“

Kunst und Religion passen gut zusammen – sagen Jugendliche aus dem Lingener Franziskusgymnasium. In einem Seminarfach der Oberstufe entwerfen sie für sich und andere Schüler „Ein Bild von Gott“: mit modernen Kreuzen, Videoinstallationen und einem riesigen Altartuch.

Im Werkraum des Franziskusgymnasiums rattern die Nähmaschinen. Larissa fädelt neues Garn in die Spule ein und fragt mit einem schnellen Blick zu ihrer Tischnachbarin: „Was machst du gerade – Hellblau oder Gold?“ Nina hebt zur Antwort ein metallisch schimmerndes Stück Lamé hoch, das bereits fix und fertig mit Stoff unterlegt und Ziernähten versehen ist. „Das kommt oben hin“, sagt die 17-Jährige. Steht dann fix auf, hockt sich mit Lea auf den langen Tisch in der Mitte und sucht die passende Stelle. Denn da liegen schon zahlreiche andere Patchwork-Quadrate und -Rechtecke. Nach und nach bilden sie ein riesiges Kreuz: ein Mosaik aus bunten Farben und glänzendem Gold. Drei mal drei Meter groß soll daraus ein Altartuch werden, das bei den Gottesdiensten der Schulgemeinschaft die Wand der Turnhalle schmücken wird.

Das Tuch ist nur eine der beeindruckenden Arbeiten, die in den vergangenen Monaten in dem katholischen Gymnasium in Trägerschaft der Schulstiftung des Bistums entstanden sind – in dem Oberstufen-Seminarfach „Ein Bild von Gott?!“. 13 junge Männer und Frauen im Alter von 17 und 18 Jahren nehmen jetzt im zweiten Jahr an dem Kurs teil. Noch bis zum Frühjahr, dann machen sie ihr Abitur. Die Lehrerinnen Anne Gottschalk und Anna Drummler unterrichten die Gruppe gemeinsam. Und schwärmen von der Begeisterung und Motivation, die die Schüler an den Tag legen.

Die Pädagoginnen wollen in dem Seminarfach (siehe auch „Zur Sache“) nicht in erster Linie zusätzliche Inhalte aus Religion oder Kunst vermitteln, sondern die Schülerinnen und Schüler sollen sich selber auf einen Suchprozess nach ihrem Bild von Gott begeben – ausgehend von ihrem Leben und Alltag. Im Vordergrund steht dabei nach Worten von Anna Drummler handlungsorientiertes, selbst bestimmtes und in Teilen auch selbst verantwortliches Lernen – zum Beispiel durch die Erarbeitung verschiedener Aktionen für die Schulgemeinschaft. „Die Schüler erkennen dabei ganz von alleine theologische Zusammenhänge und werden künstlerisch kreativ“, sagt die Religionslehrerin. Ihrer Ansicht nach bringen die jungen Leute ein tiefes inneres Wissen schon mit. „Als Getaufte und Gefirmte sind auch sie im Besitz des Heiligen Geistes, der wirkt und den Weg weist.“

Ist es schwierig, junge Leute heute für religiöse Themen zu begeistern? Anne Gottschalk schüttelt spontan den Kopf. „Nein, es kommt auf den Weg und die Ansprache an“, sagt die Kunst- und Lateinlehrerin. Sie findet es dabei wichtig, dass die Schüler etwas (er)schaffen, dass sie mit den Händen arbeiten: „Daran können sie sich halten und auch festhalten, das nehmen sie mit.“ Der Weg bei ihrem Seminarfach ist deshalb vor allem ein praktischer und gerade das loben auch die Schüler. „Kunst und Religion passen gut zusammen“, begründet zum Beispiel Laura ihre Entscheidung für das Seminarfach. Und auch Sarah ist froh über ihre Wahl, „weil wir hier nicht nur reden, sondern auch etwas tun.“

Was sie tun und getan haben, davon erzählen sie gerne. Das sind zum Beispiel die von Michelangelo inspirierten Collagen über die Beziehung von Gott und Mensch. Das sind die Gottesdienste, die sie in Lingener Kirchen gestalten, und der lange nachwirkende Besuch in der Münsteraner Jugendkirche effata. Und das sind auch die ganz anderen Kreuze, die sie in kleinen Kästen entworfen haben: gesponnen aus Goldfäden, zusammengefügt aus Spiegelscherben, geschnitzt aus gehärtetem Bauschaum. Wenn die Jugendlichen diese zeigen, spürt man genau: Da ist etwas angerührt worden, in Bewegung geraten und dann eben doch ins Gespräch gekommen. Sogar in einer eigenen WhatsApp-Gruppe. „Wir reden hier manchmal tatsächlich über Gott und die Welt“, sagt Anne Gottschalk. „Das geht über die Schule hinaus, das ist eine coole Sache.“ Die Jugendlichen nehmen nach Ansicht von Anna Drummler auf diese Weise die Erfahrung mit, dass „sie selbst Kirche sind“ und dass Gottesdienste nicht unbedingt langweilig sein müssen. „Gott und Religion bedeuten für die Jugendlichen sehr viel, wenn sie einen Bezug herstellen können zu ihrem Leben. Gott ist für sie nichts Abstraktes oder Gelerntes, etwas von außen Aufgesetztes, sondern eine Realität, die in ihnen da ist und auf die sie sich unterschiedlich bewusst beziehen.“

Wie sprichst du zu Gott? Was ist Gott für dich?

Ins Gespräch bringen wollen die jungen Leute Gott, Kirche und Glauben aber nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Mitschüler. Zum Beispiel durch Videoinstallationen im Advent und jetzt in der Fastenzeit. Laura, Sarah, Emma und Hannah sitzen im „Raum der Stille“ und bereiten die Präsentation vor. Wer in das Zimmer geht, dem stellt sich zuerst eine Leiter in den Weg. Auf ihr geht der Blick geht nach oben – auf einen Zettel mit der Frage: Wo bist du Gott?“ Und von da auf vier Bildschirmflächen. Von Musik begleitet laufen Fotos, Texte, Geschichten, gemalte Bilder und noch mehr Fragen über die Wand. Wie sprichst du zu Gott? Was ist Gott für dich?

Die vier jungen Frauen hoffen, dass ihre Mitschüler zum Beispiel in der Pause oder vor einer Klausur hier hineinschauen und vielleicht eigene Antworten finden. Haben sie selbst eine Vorstellung von Gott? Sie schauen sich an und lächeln ein wenig verlegen. „Sicher nicht mehr die von dem Mann mit Rauschebart auf einer Wolke“, sagt eine von ihnen. Es fällt ihnen schwer, die passenden Worte zu finden. „Ich glaube an ihn und ich spüre, er ist da und begleitet mich, besonders in bestimmten Situationen“, sagt eine andere – sehr entschieden.

Solche Gedanken stecken auch in dem Altartuch, das Nina für ihre Seminarfacharbeit entworfen hat: ein großes Kreuz, gestaltet wie ein Mosaik aus vielen Teilen, aber ein außergewöhnliches. Von einem Querbalken sollen aus Stoff genähte Blutstropfen hinunterfallen, der andere Balken formt sich zu einer ausgestreckten Hand. Und an mehreren Stellen wollen die Schülerinnen Figuren auf das Kreuz nähen. So zeichnen sie mit Stoff und Garn ihr Bild von Gott – von einem Gott, der Leid und Verzweiflung in Hoffnung und Solidarität wandeln kann. „Hoffentlich kriegen wir das bis zur Abiturfeier noch fertig“, sagt die 18-Jährige. „Ich will das gerne noch an der Wand sehen“. Und deshalb legt sie das nächste Stück Stoff auf die Nähmaschine.

 

Zur Sache

„Ganz neue Wege zeigen sich dann“

Das Seminarfach an den Gymnasien will die Schüler in fachwissenschaftliche Inhalte und Methoden einführen sowie wissenschaftliche Arbeitsweisen einüben – und damit auch auf ein Studium vorbereiten. „Es bietet die Möglichkeit, dem Raum zu geben, was sich entfalten will. Ganz neue Wege zeigen sich dann, auf die man als Lehrer nicht so schnell gekommen wäre“, sagt die Lingener Pädagogin Anna Drummler.

Mit Nadel und Faden: In dem Seminarfach entsteht ein großes Altartuch mit einem Kreuz. (Fotos: Petra Diek-Münchow)
Wo bist du, Gott? Mit Installationen wie dieser wollen die jungen Frauen ihren Mitschülern Impulse geben.