Tondera und der „Forschervirus“

Lehrer am Lingener Franziskusgymnasium beendet AG-Arbeit

Christof Tondera
Christof Tondera mit Marius Krämer, Daniel Schade, Rahel Bocklage und Christian Merz beim Experimentieren im Franziskusgymnasium (von links). Foto: Thomas Pertz

 

Seit 25 Jahren engagiert sich Christof Tondera in der Arbeitsgemeinschaft „Jugend forscht“ am Franziskusgymnasium in Lingen. Nach dem nächsten Wettbewerb Ende Februar beendet der 60-jährige Lehrer für Mathematik und Physik diese Aufgabe.

Lingen. Rahel Bocklage setzt die Mechanik in Gang. Ein Katzenzungen nachempfundenes Modell aus Holz bewegt sich über einer kleinen Wasserschale auf und ab. Die 13-jährige Schülerin des Franziskusgymnasiums in Lingen, die sich sehr für Biologie interessiert, möchte untersuchen, wie diese Wasseraufnahme genau funktioniert. Marius Krämer und Daniel Schade, der eine 14 und der andere 13 Jahre alt, stehen mehr auf Physik. Die beiden analysieren zurzeit, welche Rückstände sich in einem Wasserfilter befinden. Sie verbrennen kleine Filterstückchen und untersuchen mithilfe eines Spektrometers, wie viel Eisen oder Aluminium sich in den Rückständen befinden. Der Älteste in der Gruppe ist Christian Merz. Der 18-Jährige entwickelt ein Reinigungsgerät für Baustellenwerkzeuge, das speziell bei Ausgrabungsstätten eingesetzt werden kann.

Alle vier haben neben ihrer Experimentierfreude etwas Weiteres gemeinsam: Sie sind von Christof Tondera mit dem „Forschervirus“ infiziert worden – wie so viele andere vor ihnen, aber keiner mehr nach ihnen. Der 60-jährige Mathematik- und Physiklehrer hört nach 25 Jahren Aufbau- und Mitarbeit in der AG „Jugend forscht“ auf. Der Schule bleibt er natürlich weiter erhalten.

„Ich habe diese Arbeit immer sehr gerne gemacht, bin aber der Meinung, dass es nun an der Zeit ist, sie in andere Hände zu legen“, sagt Tondera. Wem diese Hände gehören, ist derzeit noch nicht entschieden. Entschieden ist, dass mit dem nächsten Regionalwettbewerb von „Jugend forscht“ am 25./26. Februar in Lingen für „Tondi“ Schluss ist. Der Spitzname, den der in Schlesien im heutigen Polen geborene Lehrer von den Schülern bekommen hat, sagt viel aus über das gute Verhältnis zwischen ihnen.

Das hat der Lingener auch schriftlich bekommen. Zum 60. Geburtstag bekam er von Ehemaligen aus seiner AG „Jugend forscht“ ein Fotoalbum mit Briefen geschenkt: Ärzte, Naturwissenschaftler und Ingenieure sind darunter – aber auch ein Tierpfleger in einem großen deutschen Zoo. Tondera hat mit der Begeisterung, die er bei jungen Menschen fürs Forschen und Experimentieren geweckt hat, auch den eigenen Horizont der Schüler erweitert. Durch alle Schreiben zieht sich wie ein roter Faden die auch für die Persönlichkeit prägenden Erfahrungen, die die inzwischen erwachsenen ehemaligen AG-Teilnehmer bei „Tondi“ gesammelt haben.

Das hat viel Zeit gekostet. „25-mal Weihnachtsferien, 25-mal Herbstferien“, macht der Lehrer zur Vorbereitung auf die „Jugend forscht“-Wettbewerbe eine Rechnung auf, die er aber nie widerwillig beglichen hat. Hinzu kamen die vielen Nachmittage im Anschluss an den Unterricht.

78 Projekte

Wenn es notwendig war, auch am Samstag. 78 „Jugend forscht“-Projekte hat Tondera in diesen 25 Jahren mit den Schwerpunkten Physiktechnik, Geo- und Raumwissenschaften und Arbeitswelt durchgeführt. Daran haben sich 49 Jungen und 32 Mädchen beteiligt. Zwei von den Ehemaligen, Sven Krummen und Christian Wassermann, schafften es sogar bis zu einem Empfang bei Kanzlerin Angela Merkel. Das Schöne an dieser Arbeit in der AG sei vor allem gewesen, die jungen Leute dort mitunter ganz anders erlebt zu haben als im Unterricht. Sie hätten Stärken entwickelt, die sie so bei sich gar nicht vermutet hätten, betont der Lehrer.

Nun sei es aber an der Zeit, in der AG einen Generationswechsel einzuleiten, sagt der gelernte Tischler. Tondera möchte künftig etwas mehr Zeit für andere Dinge haben. Eine Eiche liegt schon bereit, zu einem Möbelstück verarbeitet zu werden. Der Pädagoge möchte außerdem mehr Zeit fürs Lesen haben, auch für ehrenamtliche Tätigkeiten im sozialen Bereich. Lehrer bleibt Tondera weiterhin – und das gerne. „Bis zum 66. Lebensjahr. Wenn ich gesund bleibe, will ich das genießen.“

 

Horizonte eröffnet

(Kommentar von Thomas Pertz)

Viel Freizeit, oft Ferien, ein sicherer Job, egal, was man tut oder auch nicht tut: Vorurteile über den Berufsstand Lehrer gibt es genug. Es gab sogar mal einen niedersächsischen Ministerpräsidenten, der sie als „faule Säcke“ bezeichnet hat. Und jeder meint ja auch den einen oder anderen Pädagogen im Blick zu haben, der das Vorurteil zu bestätigen scheint. Dann kennt er Christof Tondera allerdings nicht.

Der 60-jährige Lehrer füllt seinen Beruf in einer Intensität aus, die weit über sein eigentliches Arbeitsfeld im Schulunterricht hinausgeht. Wer über einen Zeitraum von 25 Jahren hinweg jungen Menschen auf experimentellem Wege neue Horizonte eröffnet hat, der macht das, was er macht, einfach aus großer Leidenschaft.

In allen Berufsgruppen, nicht nur bei den Lehrern, gibt es solche, die lediglich ihren Job erledigen, und andere, die sich ihre Begeisterung für das, was sie machen, über Jahre hinweg erhalten haben. Dem Franziskusgymnasium ist zu wünschen, dass sich jemand in seinen Reihen bereitfindet, die Arbeit von Tondera im „Jugend forscht“-Bereich fortzusetzen.

Der 60-Jährige selbst hat noch sechs Jahre als „normaler“ Lehrer vor sich. Tondera freut sich darauf. Das sagt alles.