Improvisationsakrobaten

Omer Klein Trio beeindruckt im Lingener Kulturforum (auch die Schüler der Musikkurse des Franziskusgymnasiums)

 

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Das Omer Klein Trio (von links: Omer Klein, Klavier, Haggai Cohen-Milo, Kontrabass, Amir Bresler, Schlagzeug) präsentierte im Rahmen der Niedersächsischen Musiktage ein beeindruckendes Konzert im Lingener Kulturforum. Foto: Sebastian von Melle

 

Die New York Times nannte den israelischen Jazzpianisten Omer Klein einen grenzenlosen Künstler. Das ist er auch in Lingen gewesen.

Lingen. Mit seinen ebenbürtigen Trio-Partnern Haggai Cohen-Milo (Kontrabass) und Amir Bresler (Schlagzeug) bereitete er mit seinem „Grenzenlos“ überschriebenen Programm dem interessierten Publikum im gut besetzten Lingener Kulturforum grenzenloses Vergnügen.

Im Rahmen der 31. Niedersächsischen Musiktage traten die begnadeten Improvisationsakrobaten erstmals in der Emsstadt auf und präsentierten Stücke aus dem aktuellen Album „Sleepwalkers“ und andere Eigenkompositionen. Das Motto des Festivals „Räume“ korrespondierte dabei perfekt mit der Philosophie Omer Kleins, nach der die Kunst das Ziel habe, hinter die sinnlich wahrnehmbare Realität zu schauen. Klein will Räume öffnen oder zumindest den Weg dorthin zeigen. Das hat er an diesem Abend mit seiner Musik kraftvoll, elegant und sinnlich getan.

Auch Sandra Gossling (16) und Henrik Bickers (17) gefiel es. Sie gehören zum E-Kurs des Franziskusgymnasiums, der sich zurzeit mit Jazz auseinandersetzt und mit einigen Musiklehrern ins Kulturforum gekommen war. Während Sandra darüber staunte, wie gut das Trio im Zusammenspiel aufeinander hörte, würde Henrik gerne mal sehen, wie eine Bandprobe abläuft. „Jazz braucht Zeit, man mag ihn oder nicht“, so der Gymnasiast.

Gewagte Variationen

Omer Klein kritisiert mit seinen Stücken die alles beherrschende Technologie und die Abhängigkeit der Menschen von virtuellen Räumen, die sie daran hindern, die Wirklichkeit wahrzunehmen. Dagegen war es eine Freude zu sehen, wie intuitiv die drei Musiker sich ständig im Blick hatten, um sich gegenseitig die Tür zu öffnen und einander in immer neue Räume hineinzulocken für noch gewagtere Varianten ihrer Kunst.

Dabei begann alles recht still. Ein wenig Kleinpercussion im Stehen auf dem Steinway-Flügel, etwas Gezupfe auf dem Bass, ein paar lässige Rhythmen an den Drums. Eher beiläufig berührte Klaviertasten ließen ahnen: Da kommt noch was. Und was da kam!

Vom melodiösen „Nigun“ über das kraftvolle „Blinky Palermo“ mit gut markierten Offbeats (als rede Cohen-Milo mit seinem Bass) und das sich dramatisch entwickelnde „One Step At A Time“ bis zur Ballade „Joséphine“, bei der ein Frauenname als Metapher für den Song an sich stand. Das war dezent lautmalerische Musik über den Prozess des Komponierens, so mysteriös, schwer fassbar und unwirklich dieser auch sein mag.

Eingeleitet durch das romantische „Wonder And Awe“, erklang „Sleepwalkers“, eine hypnotisch marschierende, sich stetig aufbauende Komposition, die Schicht um Schicht von zerbrechlich zu komplex und wieder zurück changiert. Sie war als musikalische Reaktion auf das Phänomen des Realitätsverlustes zu hören, als Weck- und Warnruf an alle, die wie Schlafwandler durch die Welt laufen. Mit dem energiegeladenen „Mixtape“ in flottem Dreiertakt und einer gewaltigen Session zwischen Schlagzeug und Percussion ging das hoffentlich nicht letzte Konzert des Omer Klein Trios in Lingen zu Ende.

 

SchülerInnen im Gespräch mit der Presse:

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