„Im Westen nichts Neues“ – Neuer Blick auf einen Roman

Am 06.10.2015 besuchten der 12. Jahrgang und das Seminarfach „Darstellendes Spiel“ die dramatische Inszenierung des Romans „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque. Der Roman ist verbindliche Lektüre für das Abitur 2016. Die Aufführung des Wilhelmshavener Ensembles (vgl. folgenden LT-Artikel) war ein beeindruckender Brückenschlag zwischen den Kriegserlebnissen vor 100 Jahren und heutigen Erfahrungen von Soldaten mit Auslandseinsätzen. Somit erlebten die Schülerinnen und Schüler neben einer gelungenen Stoffwiederholung auch eine Verankerung im Hier und Jetzt.

 

Momente, in denen die Sprache versagt

Aufführung von „Im Westen nichts Neues“ im Theater mit Schilderungen von Bundeswehrsoldaten

(Elisabeth Tondera, Lingener Tagespost vom 09.10.2015, Seite 21)

 

Momente
Grandiose Ensembleleistung: Die Landesbühne Niedersachsen-Nord spielte „Im Westen nichts Neues“. Foto: Elisabeth Tondera

Lingen. „Im Westen nichts Neues“. Mit diesem Satz, der sich auf einen Heeresbericht vom Oktober 1918 bezieht, endet der gleichnamige Roman von Erich Maria Remarque. Mit diesem Satz endet auch die Inszenierung des Klassikers durch die Landesbühne Niedersachsen-Nord, die in Lingen zu sehen war.

Remarques Roman schildert die Erfahrungen der verlorenen Generation des Ersten Weltkrieges. Längst vergangene Geschichte? Keineswegs. Die Bühnenfassung von Regisseurin Eva Lange und Dramaturgin Lea Redlich führt dies eindringlich vor Augen. Den Remarque-Originaltext unterbrechen immer wieder Schilderungen von Bundeswehrsoldaten, die aus Afghanistan und dem Kosovo heimgekehrt sind. Damals wie heute entfremdet der Krieg die Menschen, wie es die Soldaten zu jeder Zeit schmerzlich erleben. Was haben sie noch mit den Daheimgebliebenen gemeinsam, die sich keine Vorstellung von dem Horror an der Front machen? Worüber sollen sie mit ihnen reden? „Die Heimkehr ist das Schwierigste am Einsatz“, stellt ein Bundeswehrsoldat fest.

Kann das Theater die Schrecken des Krieges und die zerstörerische Wirkung auf die Menschen, vor allem auf die Psyche der Soldaten, zeigen? Eva Lange und Lea Redlich gelingt es in der straffen, aufs Wesentliche reduzierten Inszenierung, die durch eine starke, konsequent durchchoreografierte Ensembleleistung besticht. Es gibt keine durchgehende Handlung, keine festgelegten Figuren, das Geschehen erschließt sich in beeindruckend komponierten szenischen Bildern. Drei Schauspielerinnen (Mechthild Grabner, Sarah Horak, Aida-Ira El-Eslambouly) und drei Schauspieler (Ben Knop, Robert Lang, Vasilios Zavrakis) sind alle Paul Bäumer und andere Figuren. Und dann ist da noch Christoph Sommer, der den Koch, den toten Kemmerich und den Todesengel darstellt. Solotexte wechseln ab mit chorischem Sprechen. Es gibt Momente, in denen die Sprache versagt, weil es keine Worte gibt, um das Grauen auszudrücken. Je weiter die Aufführung voranschreitet, desto stärker wird das Grauen spürbar, die materielle und psychische Zerstörung greift um sich.

Abiturthema 2016

All das spielt sich ab in einem kargen Raum, der gleichzeitig eine Wohnstube und einen Schützengraben darstellt. Das Bühnenbild von Gabriela Neubauer zeigt die fortschreitende Zerstörung: Im Laufe der Aufführung krachen Teile der Wand auf den Boden, das fahle Licht enthüllt dahinter das Bild eines aufgehängten Schweines, die Schauspielerinnen und Schauspieler werden zu den Kreaturen, die der Krieg aus Menschen macht.

Zutiefst berührt waren die Zuschauer, darunter sehr viele Schüler, denn „Im Westen nichts Neues“ ist Abiturthema 2016. Totenstill war es im Saal, am Ende bedankte sich das Publikum mit Standing Ovations bei dem grandiosen Ensemble.