Ein Gespräch mit Zeitzeugen

Auschwitzüberlebende diskutieren am Franziskusgymnasium mit Schülern

Lingen. „Eine Entschuldigung habe ich nie erhalten.“ Unfassbares Erstaunen hat beim Besuch von Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz im Lingener Franziskusgymnasium nicht nur diese Aussage einer in der NS-Zeit zu Zwangsarbeit bei Daimler-Benz gezwungenen Frau ausgelöst.

 Auschwitzüberlebende diskutierten im Rahmen ihres vom Maximilian-Kolbe-Werk organisierten Aufenthaltes im Ludwig-Windthorst-Haus in Lingen mit Schülern des Franziskusgymnasiums. Foto: Eberhard Weber

 

„Mit Ihrem Besuch in unserer Schule geben Sie den Schülern die Möglichkeit, von Zeitzeugen über die schrecklichen Geschehnisse zur Zeit der NS-Diktatur zu erfahren. Damit tragen Sie dazu bei, dass die junge Generation dies nie vergisst. Für Ihre Stärke, Ihre Bereitschaft zum Austausch und zur Versöhnung möchte ich Ihnen von ganzem Herzen danken.“ Mit diesen Worten hatte der Schulleiter Johannes Pruisken die Gäste im Franziskusgymnasium begrüßt. Auf Einladung des Maximilian-Kolbe-Werkes (siehe Infobox) halten sich die ehemaligen KZ-Insassen derzeit im Ludwig-Windthorst-Haus auf, um in mehreren Schulen mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen – aber auch, um in ihrer Freizeit Ausflüge in der Region genießen können.

Viele der Zeitzeugen waren am sogenannten Warschauer Aufstand gegen die NS-Besatzungstruppen beteiligt, wurden festgenommen und im KZ zum Arbeiten gezwungen. Beim Erzählen kamen einigen der polnischen Gäste die Tränen. Auch bei den Schülern lösten die ebenso genauen wie erschreckenden Beschreibungen der Erlebnisse Betroffenheit und Fassungslosigkeit aus.

„Haben Sie als Zwangsarbeiterin für Daimler-Benz später eine Entschädigung oder eine Entschuldigung erhalten?“ Die Frau verneinte die Frage eines Schülers des Geschichts-Leistungskurses. Aus den Reihen der Schüler war ein „Unfassbar“ zu vernehmen.

Nach dem Gespräch, beim Aufreihen zum Gruppenfoto erzählte eine Zeitzeugin: „Ich bin mein ganzes späteres Leben um die Welt gereist, aber um Deutschland habe ich immer einen großen Bogen gemacht. Ich habe dieses Land nie wieder betreten wollen. Die Überwindung hat mich viel Kraft und Zeit der Überlegung gekostet. Dass ich nun aber mit so aufgeschlossenen Schülern ins Gespräch komme, zeigt mir, dass die Entscheidung, ins Land der ehemaligen Täter zu fahren, richtig gewesen ist.“

 

Hilfe für Überlebende der NS-Konzentrationslager

Das Maximilian-Kolbe-Werk ist eine karitative Organisation, die Überlebenden der Konzentrationslager und Gettos der NS-Herrschaft Hilfe bietet. Dabei ist ein Ziel die Aussöhnung zwischen Polen und Deutschland und eine wachsende Verständigung zwischen den Staaten. Hauptziel der Organisation ist jedoch jeder einzelne Mensch. Die Verarbeitung des Erlebten in Gesprächen, Hilfe bei der Bewältigung des Alltages und Erholungs- und Begegnungsfahrten wie diese ins Ludwig-Windthorst-Haus machen die Kernarbeit aus. Dabei ist die Organisation vor allem auf viele Kleinspenden angewiesen, da viele Firmen, die damals Zwangsarbeiter beschäftigt haben, ihre Unterstützung mehr und mehr einstellen.Der polnische Priester, Missionar und Journalist Maximilian Kolbe opferte sich im Juli 1941 im KZ Auschwitz für einen Familienvater. Weil zuvor einem Häftling die Flucht gelungen war, sollten zehn willkürlich ausgewählte KZ-Insassen, darunter auch ein Familienvater, mit dem Hungertod bestraft werden. Der 47-jährige Kolbe bot daraufhin seinen Tod im Austausch für das Leben des Todeskandidaten an. mikr/vb

Weitere Infos unter www.maximilian-kolbe-werk.de.

 Maximilian Kolbe, Foto: dpa