Klasse 9b erinnert an Deportation jüdischer Mitbürger

In einem Gemeinschaftsprojekt des Forums Juden-Christen, des TPZ und des Franziskusgymnasiums Lingen wurde am Wochenende an die Deportation jüdischer Mitbürger aus Lingen nach Riga erinnert. Die Klasse 9b führte auf Anregung von Frau Hartmann dieses Projekt in der Lingener Innenstadt durch.
 
An Deportation jüdischer Mitbürger erinnert
Schüler des Franziskusgymnasiums wählten ungewöhnliche Form des Gedenkens
(Bericht und Fotos: Wilfried Roggendorf, Lingener Tagespost vom 12.12.2011)
Auch vor historischer Stätte führten die Schüler des Franziskusgymnasiums ihre Aktion zum Gedenken an die Deportation der Lingener Juden nach Riga durch. Diese lebten, aus ihren eigenen Häusern vertrieben, bis zum 11. Dezember 1941 im sogenannten „Judenhaus“ in der Marienstraße 4. Fotos: W. Roggendorf

wrog LINGEN. Vor 70 Jahren, am 11. Dezember 1941, wurden jüdische Mitbürger aus Lingen nach Riga deportiert. Daran haben am Samstag Schüler des Franziskusgymnasiums in der Lingener Innenstadt mit einer ungewöhnlichen Aktion erinnert.
Auf Anregung ihrer Politiklehrerin Ingrid Hartmann hatten sich die Mädchen und Jungen der 9b mit dem Thema befasst. Gemeinsam mit Bruni Müllner vom Theaterpädagogischen Zentrum setzten sie die Situation des Abtransportes in ein theatrales Szenario um. Dieses führten sie am Samstagnachmittag in mehreren Straßen der Lingener Innenstadt auf.
Dabei kam es den Schülern auch darauf an, die Gefühle zum Ausdruck zu bringen, welche die Juden im Moment ihrer Deportation wahrscheinlich gehabt hatten. „Ich habe mich in diese Menschen hineinversetzt und versucht, ihre Trauer und Verzweiflung darzustellen“, sagte Esther Thiering. Die 14-Jährige hielt die Aktion für wichtig. Deshalb habe sie, wie alle ihre Klassenkameraden, daran freiwillig teilgenommen.
Gemischte Reaktionen
Während Esther mit einem Teil ihrer Mitschüler den Moment des Zusammentreibens und des Abtransportes der jüdischen Lingener vor 70 Jahren darstellte, verteilten andere Schüler Flyer an die Passanten, hielten Plakate hoch und machten so auf das Motiv ihrer Aktion aufmerksam – und stießen damit auf äußerst gemischte Reaktionen: „Ich lese das jetzt zum ersten Mal, wusste vorher nicht, dass es auch aus Lingen Transporte gab“, bekannte Anke Fries, währendsie einen der Flyer aufmerksam studierte. Sie fand die Aktion der Schüler ebenso wie ihr Sohn Dorian gut. „Man sollte sich an die Geschichte erinnern, damit das nicht wieder geschieht“, meinte dieser.
Doch die beiden bildeten eher die Ausnahme. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Leute einfach so teilnahmslos weitergehen“, klagte Müllner über die Reaktion vieler Passanten. Die Leute hätten vielleicht eher ans Einkaufen gedacht, vermutete Hartmann.
Der 16-jährige Jonas Eden bekam von einer Passantin den Flyer, der über das Schicksal der Juden aus Lingen informieren sollte, wieder zurück in die Hand gedrückt. „Man soll, auch wenn das damals schlimm war, in die Zukunft schauen.“ Das Geschehene könne man eh nicht mehr ändern, habe die Frau gesagt. Auch seinem Klassenkameraden Leon Manske erging es kaum besser. „Viele hatten überhaupt kein Interesse“, klagte der 15-Jährige.
Für Hartmann war die Aktion ihrer Schüler trotzdem ein Erfolg. „Vielleicht haben sie irgendetwas in den Köpfen angestoßen“, hoffte sie. Und auch für die Schüler der 9b sah die Politiklehrerin einen positiven Effekt. „Ihnen sollte klar werden, dass auch heute der Respekt vor anderen Menschen die Grundlage für den Frieden und das Miteinander ist“, betonte sie.


 

KOMMENTAR
Innehalten angebracht

Von Wilfried Roggendorf
w.roggendorf@lingener-tagespost.de
Das, was vor 70 Jahren in Lingen geschah, ist auch heute ein Thema. Der Rechtsextremismus in Deutschland belegt es klar – immer wieder gibt es Verblendete, denen jeder Respekt vor dem Mitmenschen fehlt. Dieser ist aber Grundvoraussetzung für den „Frieden auf Erden“, den die Engel zur Geburt Christi verkündeten. Daher wäre es angebracht gewesen, wenn mehr Menschen im vorweihnachtlichen Konsumrausch einmal bei der Aktion der Schüler innegehalten hätten.