Den Blick für die Not anderer schärfen
Schüler des Franziskusgymnasiums besuchten die Lingener Tafel
(Bericht und Foto: Thomas Pertz, Lingener Tagespost vom 07.06.2011)


(Am Montagvormittag waren Schüler des Lingener Franziskusgymnasiums zu Besuch bei der Lingener Tafel. Zu dieser Zeit ist die Tafel geschlossen. Deshalb waren die Regale auch noch leer. Im Bild rechts Mitarbeiterin Diana Hartke. Foto: Thomas Pertz)
 
pe Lingen An diesem Montagvormittag ist es sehr ruhig in der Lingener Tafel am Langschmidtsweg. Was nicht verwundert, denn die Tafel öffnet erst am Nachmittag für ihre Kunden. Dass die Zahl derer ständig größer wird, die über die günstige Mitnahme von Lebensmitteln ihr Haushaltsbudget ein wenig schonen können, erfahren viele der jungen Leute im Haus vielleicht zum ersten Mal.
Es ist die Klasse 8a des Lingener Franziskusgymnasiums, die mit den Lehrerinnen Ingrid Hartmann und Anne Gottschalk zu Gast bei der Lingener Tafel ist. Die Jugendlichen nehmen Teil am Projekt: „Im Netz – Lingener Schülernetz gegen Armut.“ Initiiert haben es Vertreter der Kirchen und Schulen in Lingen. Ziel ist es nach Angaben der Veranstalter, das innerschulische und öffentliche Bewusstsein für das Thema Armut zu schärfen.
Aufmerksam hören die Jugendlichen am Montagmorgen in den Räumen der Tafel zu, als die Mitarbeiterinnen Sabine Hantke-Singh und Diana Hartke die Einrichtung vorstellen. Sie tun dies zunächst durch einen Film, der anschaulich macht, dass Armut jeden treffen kann, der aber auch zeigt, dass es viele Menschen gibt, die dies nicht bloß zur Kenntnis nehmen. Sie engagieren sich bei der Tafel beim Abholen der Lebensmittel, ihrer Verteilung und Ausgabe am Langschmidtsweg oder in den anderen Verteilstellen. „Ich kann nicht einfach weggucken, wenn jemand in Not ist“, wird eine ehrenamtliche Mitarbeiterin zitiert. Genau dies ist auch ein Anliegen des Projektes „Lingener Schülernetz gegen Armut“. Armut, so betonen die Initiatoren, ist nicht nur eine Zustandsbeschreibung, sondern eine Aufforderung, gemeinsam gegen Armut aktiv zu werden.
Jeder Erwachsene zahlt 1,50 Euro, Kinder 50 Cent, wenn sie eine Tüte voller Lebensmittel mit nach Hause nehmen. Der Hartz-IV-Empfänger ist ebenso dabei wie die Witwe, deren Rente nicht reicht, oder der Arbeiter, der nur 1200 Euro brutto verdient und der hinten und vorne nicht klar kommt.
Die Verteilung von Lebensmitteln, deren Zustand noch einwandfrei ist und die dennoch im Wirtschaftskreislauf nicht mehr verwendet werden, schont den schmalen Geldbeutel der Tafelkunden. Es helfe auch ein wenig, die soziale Armut zu verhindern, sagt Sabine Hantke-Singh. „Soziale Armut?“ Manche Schülerstirn ist in Falten gezogen. „Zum Beispiel der Besuch der Musikschule, die Mitgliedschaft im Sportverein, das gemeinsame Eisessen mit der Familie“, nennt die Tafelmitarbeiterin Beispiele möglicher Ausgrenzungen insbesondere Jugendlicher, weil das Geld fehlt.
Markenklamotten
Auch für teure Markenklamotten übrigens. „Werden bei euch Mitschüler ausgegrenzt, wenn sie keine teuren Sachen tragen?“, fragt Deutsch- und Politiklehrerin Hartmann die Klasse. „Nein“, antwortet ein Mädchen. Liegt es vielleicht daran, dass in der 8a niemand zu sehen ist, der abgetragene Sachen trägt?
Den Blick dafür zu schärfen, dass es ihnen eigentlich ganz gut geht und dass sie die Augen nicht vor denen verschließen sollen, die aus welchen Gründen auch immer nicht so viel Glück hatten und Hilfe brauchen, ist ein Anliegen des Projektes „Schülernetz gegen Armut“. Ein paar Knoten sind an diesem Montag vielleicht schon geknüpft worden.