Von Thomas Pertz
Lingen. Einfach nur so rumquatschen
- das ist Christof Tonderas Sache nicht. Das sagt er auch und nimmt
dabei seine Hände zu Hilfe, die er in einer Form vor den Körper
hält, als wollten sie nach etwas greifen.
Etwas Greifbares möchte der Mathe- und Physiklehrer am Lingener
Franziskusgymnasium schon in den Händen halten. Im häufig
theoriebeschwerten Unterricht kann dies nur selten gelingen. Der 55-Jährige,
der gerne ausprobiert, experimentiert und handwerkelt, schafft es dennoch,
weil er seine Aktivitäten nicht auf das Klassenzimmer beschränkt.
Seit nunmehr 20 Jahren leitet Tondera die Arbeitsgemeinschaft „Jugend
forscht“ an der Schule. Dass zahlreiche junge Menschen im Laufe
der vergangenen Jahre bei „Jugend-forscht“-Wettbewerben
Preise eingeheimst haben, lag neben deren persönlichen Fähigkeiten
auch an der intensiven Betreuung durch den Pädagogen.
Im Physikraum der Schule sind die Mitglieder der AG versammelt: Klarissa
Wieschebrock und Franziska Behlau zum Beispiel, die mit ihrem „Flossenantrieb“
für Schiffe gerade Sieger im Regionalwettbewerb „Jugend forscht“
geworden sind. Oder Christian Merz, der mit Christoph Zeh einen CO2-freien
Kühlschrank entwickelt hat. Oder Luisa Schulte, die sich mit dem
Thema „Sichere Datenübertragung“ beschäftigt.
Oder Henning Liersch, der einen selbst gebauten Roboter in den Händen
hält. „Damit kann man einen Kanal auf Risse untersuchen“,
sagt Henning locker. Der Elftklässler ist seit der sechsten Klasse
in der AG. Wer einmal von Tondera auf naturwissenschaftlich-technische
Pfade gelenkt worden ist, der bleibt meistens in dieser Spur. Er muss
aber bereit sein, das Gleiche zu investieren wie der Mathe- und Physiklehrer:
Zeit, auch samstags, auch in den Ferien. Die einzelnen Gruppen der AG
mit jeweils maximal drei Schülerinnen und Schülern treffen
sich am Montag, Mittwoch oder Freitag jeweils in der siebten und achten
Stunde und bei Bedarf auch samstags.
Hohe Belastung
Tondera selbst ist natürlich ebenfalls in den Gruppenstunden dabei,
formal als Aufsicht, aber vielmehr als Ratgeber, „Spiritus Rector“,
der die Impulse gibt. „Die zweite Woche in den Weihnachtsferien
und die Hälfte der Herbstferien wird ebenfalls an den Projekten
gearbeitet“, sagt Tondera. Die Schülerinnen und Schüler
testen dabei auch ihre eigenen Belastungsgrenzen aus, denn der Unterrichtsstoff
darf natürlich nicht unter dem Forscherdrang leiden.
Dabei nimmt der Lehrer Rücksicht auf die jungen Forscher, wenn
die mal nicht können, weil sie für eine Klausur büffeln
müssen. Dann wird eben ein anderer Termin vereinbart. „Ich
habe Zeit für die Schüler, wenn die Schüler Zeit haben“,
meint der 55-Jährige nebenbei.
Was vordergründig wie Eigenlob klingen mag, zeugt von der pragmatischen
Art, wie Tondera Wissensdurst und die Lust zum naturwissenschaftlichen
Ausprobieren junger Menschen fördert.
Die Urkunde, die er bekommen hat, zeigt er auch erst auf Nachfrage.
Tondera kramt in seiner Aktentasche, wo sie sich befindet. Immerhin
in einer Klarsichthülle, aber zum Einrahmen hatte er noch keine
Zeit. Oder keine Lust? Die Urkunde hat er im Rahmen der letzten „Jugend
forscht“-Preisverleihung „für beispielhafte Förderung
junger Talente“ erhalten. Natürlich hat sich der Pädagoge
darüber gefreut. Aber noch mehr über die Erfolge „seiner“
AG-Schüler bei diesen Forschertreffen.
Tonderas familiäre Wurzeln liegen in Polen, er ist in Schlesien
geboren. Der 55-Jährige kommt aus einer Tischlerfamilie, mit Holz-
und Metallverarbeitung kennt er sich aus. Diese Kenntnisse haben ihm
natürlich geholfen, um die AG über so viele Jahre hinweg leiten
zu können. Die Idee, sie zu gründen, entsprang aus ersten
Unterrichtserfahrungen als junger Lehrer. Ihn störte der stark
„kopflastige“ Unterricht, das Überfrachten mit theoretischem
Wissen, dem die praktische Anwendung fehlte. Die AG „Jugend forscht“
schließt diese Lücke. „Man erlebt hier den Schüler
anders als im Unterricht, entdeckt Stärken, die einem bislang verborgen
geblieben waren“, beschreibt er eigene Erkenntnisse.
Sponsoren
Die experimentelle Freude der jungen Leute ist gleichzeitig auch der
Antrieb für den Lehrer weiterzumachen und Netzwerke zu Unternehmen
und Einrichtungen wie der RWE oder dem Christophoruswerk zu knüpfen,
in dessen Werkstätten das eine oder andere Bauteil für die
Forschungsprojekte entstand. „Es macht mir einfach Spaß,
mit ihnen zusammenzuarbeiten, und es kommt etwas dabei herum“,
sagt der Pädagoge. Wie gesagt: Einfach nur so rumquatschen –
das ist Christof Tonderas Sache nicht.
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