Hilft Schocktherapie?
Über 2000 Schüler beim Aktionstag zur Verkehrssicherheit
(Bericht: Lingener Tagespost vom 21.04.2010)


(So hebt ein Radfahrer ab, wenn er bei Tempo 50 von einem Auto getroffen wird. Foto: Roggendorf)
 
wrog Lingen. „Fahrt mal weiter so, rast und seid meine besten Freunde.“ Diese Aufforderung an die nach Angaben der Verkehrswacht über 2000 Schüler beim Aktionstag zum Auftakt der Verkehrssicherheitswoche der Lingener berufsbildenden Schulen und Gymnasien klang zynisch, verfehlte aber die von Moderator Millé Peter beabsichtigte Wirkung hoffentlich nicht.
„Ich brauche als 61-Jähriger demnächst Ersatzteile, und ihr liefert mir sie“, machte er den jungen Rasern auf drastische Art klar, dass sie als Unfallverursacher und -opfer für ihn potenzielle Organspender seien. Nach Meinung der 17-jährigen Rica Momberg haben die verschiedenen Vorführungen der Verkehrswacht ihre Mitschüler beeindruckt. „Ein Fußgänger wird bei Tempo 30, ein Radfahrer bei Tempo 50 angefahren – das alles wurde uns demonstriert. Ich glaube, die Jungs zeigen das nicht so, aber sie werden sich das durch den Kopf gehen lassen“, hoffte Rica.
Peter äußerte sich zum geschlechterspezifisch unterschiedlichen Fahrverhalten ähnlich. „Da wo Frau bremst, bremst Mann noch lange nicht“, sagte er. Dass die bei der Demonstration einer Rettungskette gezeigten „Showeffekte in Köpfe, Herzen und Bäuche gehen“, erwartete Klaus Haberland, Leiter des Geschäftsbereichs Lingen der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr, und Schirmherr der Aktion. „Die jungen Fahrer zwischen 18 und 24 sind das größte Risiko in einem System, das zwar Unfallschwerpunkte herausfinden und entschärfen kann, aber immer mit dem Gefühl der jungen Fahrer leben muss, das ihnen selbst nichts passieren könne“, so Haberland.
Eine Dreiviertelstunde dauerte es, bis die Feuerwehr ein Unfallopfer aus einem aus zehn Meter Höhe auf einen Baumstamm abgeworfenen Fahrzeug bergen konnte. Der mit dem Abwurf simulierte seitliche Aufprall eines Fahrzeuges „stellt eine typische Unfallsituation nach einem Seitenaufprall bei 50 Stundenkilometern dar“, so ein Sprecher der Feuerwehr. Die Dauer der Bergung sei durchaus realistisch. Die 18-jährige Ulrike Kuhlemann glaubt nicht, dass sich durch die Aktionswoche der Verkehrswacht etwas im Verhalten der jungen Fahrer ändern wird. „Die Unfallzahlen werden nicht sinken. Viele glauben einfach, mein Auto ist klasse und mir passiert nichts“, blickt sie bei der Verkehrssicherheit eher pessimistisch in die Zukunft.
Rica, die so wie viele andere Jugendliche vom Rettungshubschrauber „Christoph Europa 2“ aus Rheine begeistert war, zeigte sich da zuversichtlicher. Kurz nachdem der ADAC-Hubschrauber nach einer halben Stunde zu einem echten Einsatz wieder starten musste, ließ sich die junge Bienerin von einem Mitschüler mit dessen Auto zum Bahnhof bringen. „Er ist ziemlich vorsichtig gefahren“, schilderte sie ihren Eindruck von der Wirkung des Aktionstages auf den jungen Fahrer.