„Ich erwarte Mitmenschlichkeit“
Heutige Lathener Ehrenbürgerin Erna de Vries überlebte Auschwitz – Zu Gast beim Forum Juden-Christen
(Von Julian Reiter sowie Tim und Jörn Wübbels, Zwölftklässler des Franziskusgymnasiums Lingen, Lingener Tagespost vom 06.10.09; Foto: Carsten van Bevern)

Lingen. Erna de Vries ist heute 86 Jahre alt und Ehrenbürgerin der Gemeinde Lathen. 1943 verabschiedete sich ihre Mutter auf der Lagerstraße des Konzentrationslagers Auschwitz von ihr mit den Worten: „Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat.“ Erna de Vries sah ihre Mutter nie wieder. Aber von ihrem Schicksal berichten, das macht sie immer wieder – wie jetzt beim Besuch des Forums Juden-Christen in Lingen. U. a. zum Thema Erinnerungsarbeit und zum Palästinakonflikt sprach sie dabei mit drei Schülern des Franziskusgymnasiums, die zurzeit das Seminarfach „Israel und Palästina“ belegen:

Seit 1997 erfüllt die heute 86-jährige Erna de Vries den Wunsch ihrer in Auschwitz ermordeten Mutter und berichtet in Schulen vom Holocaust – in der Jüdischen Schule in Lingen beantwortete sie u. a. die Fragen von Julian Reiter sowie Tim und Jörn Wübbels.


Was haben Sie von Ihrer Tochter in Bezug auf Erinnerungsarbeit erwartet?

Ich habe eigentlich von meinen Kindern nichts erwartet. Ich habe nur gehofft, dass sie auf unserer Seite stehen und verstehen, was wir erlebt haben und dass sie ihre jüdischen Wurzeln nicht vergessen. Aber verlangt habe ich eigentlich nichts.

An Erna de Vries ebenfalls anwesende Tochter Ruth de Vries gerichtet: Haben Sie gemerkt, dass Ihre Mutter Erwartungen hatte oder wollte, dass Sie die Erinnerungsarbeit weiterführen?
Erinnerungsarbeit!? Ich habe ja gar keine Erinnerungen, die ich verarbeiten kann, außer der Emotionalität der Beziehung zu meinen Eltern. Das würde ich aber irgendwie nicht Erinnerung nennen, das müssten schon meine eigenen ganz persönlichen Erinnerungen oder meine eigenen Erlebnisse sein. Aber es wurden sehr hohe Erwartungen daran gesetzt, einmal zu verstehen, was meine Eltern durchgemacht haben, und auch zu akzeptieren, dass immer wieder darüber gesprochen werden muss. Dieses Verständnis hat sich leider erst mit höherem Alter eingestellt, vorher war es einfach noch nicht da. Und natürlich wollten meine Eltern auch von mir, dass ich weiter nach dem jüdischen Glauben lebe.

Wieder an Erna de Vries gerichtet: Was erwarten Sie von unserer Generation in Bezug auf Erinnerungsarbeit, und was würden Sie uns für unser Leben raten?
Was ich von den jungen Menschen erwarte, ist Mitmenschlichkeit und zu helfen, wenn man kann. Ich wollte früher auch Krankenpflegerin werden, um Menschen zu helfen. Ich habe damals ja auch eine Ausbildung zur Krankenpflegerin in Köln angefangen, bevor ich ins Konzentrationslager gebracht wurde. Aber dass die jungen Leute heutzutage aufeinander achten und einander helfen, das erwarte ich schon.

Dann würden wir noch gern wissen, wie Sie sich bei einer Begegnung mit Tätern verhalten würden oder was Sie ihnen zu sagen hätten.
Ich weiß nicht, ich glaube, ich wäre sprachlos. Ich weiß nicht, was ich ihnen sagen würde. Was kann man solchen Menschen schon sagen? Ich glaube auch nicht, dass ich bereit wäre, ihnen überhaupt zu begegnen.

Haben Sie noch Kontakte nach Israel, und inwiefern pflegen Sie diese?
Wir wollten ja nach Israel auswandern, aber das haben wir nicht geschafft. Mein Sohn lebt jedoch schon seit mehr als 40 Jahren in Israel. Er ist 62 Jahre alt und dort Arzt. Meine Enkelin, Ruths Tochter, ist im Moment in Beerscheba und studiert dort. Ich habe sehr regen schriftlichen Kontakt nach Israel und war auch im August noch da. Also, man kann sagen, dass der Kontakt recht lebhaft ist.

Und wie sehen Sie den Konflikt zwischen Israel und Palästina in heutiger Zeit?
Wie ich das sehe, kann ich mit einem Satz beantworten: Man soll Israels Existenzrecht anerkennen. Erst dann kann man auf den Frieden hinarbeiten. Solange jemand mir gegenübersteht und mir den Schädel einhauen will, wie kann ich mit dem verhandeln?

Nähere Informationen zu Erna de Vries gibt es unter www.projektzeitlupe.de », wo ein von Münsteraner Studenten gedrehter Film herunterladbar ist. Und der aktuelle Film „Was bleibt?“ thematisiert u. a. am Beispiel von Erna und Ruth de Vries die Auswirkungen der NS-Vergangenheit auf nachfolgende Generationen – nähere Infos unter www.wasbleibt-film.de ».