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Sie diskutierten im Rollenspiel über die
Wiedervereinigung (v. l.): Maria Fühner, Benedikt Kruse, Jonas Decressin,
Moderator Ales Mühlbauer, Julian Reiter und Jörn Wübbels.
Foto: Wilfried Roggendorf |
wrog Lingen. Am Donnerstag
hatten alle emsländischen Schulen wegen der Witterungsverhältnisse
frei. Wirklich alle Schulen? 23 Schüler des Lingener Franziskusgymnasiums
waren trotz Eisglätte zu einem Unterricht der besonderen Art zu ihrer
Schule gekommen. Unter Leitung der Oberstudienräte Werner Lampen und Günter Schröder nahmen die Schüler freiwillig am Workshop „Freiheit ist . . .“ teil. Ales Mühlbauer, aus Berlin angereister Referent der „Deutschen Gesellschaft“, die sich die Förderung politischer, kultureller und sozialer Beziehungen in Europa zum Ziel gesetzt hat, reflektierte mit den Gymnasiasten die Ereignisse rund um die Zeit der deutschen Wiedervereinigung. Die Schülerin Maria Fühner bewertete den Workshop positiv. „Im Geschichtsunterricht haben wir etwas über das System der DDR und über die Politik gelernt, jetzt erfahren wir auch etwas über die Menschen, ihre Gefühle und die Gesellschaft.“ In einem Rollenspiel debattierten die Schüler der Leistungskurse Geschichte der Jahrgangsstufen elf und zwölf rückblickend über die Folgen der Wiedervereinigung. „Ist Sozialismus ohne Repressionen möglich?“, fragte Benedikt Kruse, der im Rollenspiel einen Politikprofessor verkörperte. Der einen ehemaligen DDR-Bürgerrechtler spielende Jörn Wübbels stellte die Gegenfrage: „Ist Demokratie möglich, ohne dass welche auf der Strecke bleiben?“ Maria Fühner sah dies in der Rolle einer jungen ehemaligen DDR-Bürgerin, die nach der Wende im vereinten Deutschland ihren Platz gefunden hat, pragmatischer. „Wir sollten akzeptieren, dass wir ein Deutschland sind, und nach vorne schauen, was wir daraus machen können“, forderte die Schülerin. Diskutiert wurde im Workshop auch die Frage, ob die Wiedervereinigung das ursprüngliche Ziel der DDR-Bürgerrechtsbewegung gewesen sei. Referent Mühlbauer verneinte dies. Die Forderung der Demonstranten „Wir sind das Volk“ sei irgendwann zur Parole „Wir sind ein Volk“ hin gekippt. Ziel des Workshops, der bundesweit nur für 30 Schulen im Jahr angeboten werde, so Mühlbauer, sei es nicht, dem Geschichtsunterricht Konkurrenz zu machen. Vielmehr solle bei den Schülern Engagement geweckt werden. „Wenn der Funke der damaligen Bürgerrechtler auf die heutigen Schüler überspringt, ihr gesellschaftliches Engagement geweckt wird, dann ist das als Erfolg zu sehen“, meinte der Politikwissenschaftler, der im Alter von acht Jahren mit seiner Mutter aus der Tschechoslowakei nach Deutschland geflohen ist. Seinen Bezug zur Wiedervereinigung, zur Konfrontation zwischen Ost und West, haben die Schüler des Franziskusgymnasiums altersbedingt nicht mehr. Für die unter 20-Jährigen ist dies, sehr zum Leidwesen von Schulleiter Johannes Pruisken, Thema des Geschichtsunterrichtes. „Was ich selbst noch erlebt habe, ist heute Gegenstand der Abiturprüfung im Fach Geschichte“, äußerte sich Pruisken mit einem Anflug von Ironie. Zum Abschluss des Workshops bat Mühlbauer alle Schüler, ihre persönliche Definition von „Freiheit“ auf einen Zettel zu schreiben. Viele der Schüler schrieben sinngemäß: „Ich kann machen, was ich will.“ Einer der Schüler aber schien das Ziel des Workshops, zur Übernahme von Verantwortung zu bewegen, verinnerlicht zu haben. „Freiheit ist“, definierte der Schüler oder die Schülerin auf den anonym abgegebenen Zetteln, „die Macht mitzugestalten.“ Eine Macht, die jeder verantwortungsbewusst ausüben sollte. |