Lust auf Chemie wecken
Franziskusgymnasium in Lingen arbeitet langfristig mit Erdgasunternehmen zusammen

(Bericht und Fotos von Rainer Middelberg; Kirchenbote Nr. 43 vom 28.10.2007)

Vier niedersächsische Schulen kooperieren seit diesem Schuljahr mit Unternehmen der Erdgas- und Erdölwirtschaft. Als einzige Schule im Bistum ist das Franziskusgymnasium in Lingen dabei.
„Ich hatte mir die Anlage viel größer vorgestellt“, berichtet Jule Janßen. „Der Förderturm war vielleicht 30 Meter hoch. Trotzdem war es interessant zu sehen, wie Erdgas gefördert wird.“ Mit 23 weiteren Schülern besuchte sie die Gasbohrplattform „Leer Z5“. Die Exkursion bildete den Auftakt für die Kooperation mit Gaz de France in Lingen.

An dem Schulprojekt mit dem Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG) nehmen außerdem Gymnasien in Sulingen, Diepholz und Verden teil. Die Schulen arbeiten direkt mit ortsansässigen Unternehmen zusammen. Die Pilotphase dauert ein Jahr, längere Bindungen sind vorgesehen. Die Unternehmen bieten nicht nur Praktikumsplätze für einzelne Schüler, sondern auch Infoveranstaltungen, praktische Übungen im Labor und mehr – für den ganzen Kurs.

(Jule Janßen (vorn) und Melina Racherbäumer vervollständigen ihre Präsentation)

Das sind in allen Schulen Teilnehmer eines Seminarfachs. Das Thema in Lingen: „Fit für‘s naturwissenschaftliche Studium. Die Energie von morgen – Erdöl und Erdgas?“ An Computern und in der Bibliothek nebenan sind die Schüler mitten in der Recherche. Es gilt in Kleingruppen Präsentationen zu erstellen. Dirk Voß arbeitet zum Thema Seismik, mit der Erdgas- und Erdölvorkommen geortet werden. Soeben baut er ein Bild, einen Bodenquerschnitt, in sein PowerPoint-Dokument ein. Die Atmosphäre ist locker aber konzentriert, obwohl es schon die siebte und achte Unterrichtsstunde ist. Auch zur Pause verlässt niemand den Raum.
Chemielehrerin Regina Felschen, die mit ihrer Biologiekollegin Stephanie Dröge und Physiklehrer Klaus Bonhoff das Seminar leitet, beantwortet kurz Fragen von Schülern. Die meiste Zeit arbeiten sie eigenständig. Ein Seminarfach ist für niedersächsische Schüler der Jahrgänge 12 und 13 verpflichtend und vermittelt Techniken wissenschaftlichen Arbeitens: Recherchieren, Formulieren von Fragestellungen, Präsentationstechniken?... Die Leistungen gehen in die Abinote ein.
„Fit für‘s naturwissenschaftliche Studium“ war am Franziskusgymnasium einer von sechs angebotenen Kursen. Geht es im ersten Halbjahr um erwähnte Grundlagen, widmen sich die folgenden Halbjahre mehr wissenschaftlichen Fragen zu Gewinnung, Verarbeitung und Nutzung von Öl und Gas bis zu Berufen dieses Wirtschaftszweigs. Die beteiligten Firmen hoffen bei den Schülern ein Interesse für naturwissenschaftliche und Ingenieurberufe zu wecken, wie Rainer Wittrock, Abteilungsleiter für Personalentwicklung bei Gaz de France, erklärt.
(Statt Frontalunterricht prägt Projektarbeit das Seminarfach. Chemielehrerin Regina Felschen, linkes Bild, sowie Biologielehrerin Stephanie Dröge und Physiklehrer Klaus Bonhoff, rechtes Bild, haben beratende Funktion.)


Künftig noch mehr Ingenieure benötigt


Das Unternehmen beschäftigt in Lingen rund 250 Mitarbeiter und verfügt in diesem Bereich über mehrere unbesetzte Stellen. „Der Bedarf wird steigen, da die Förderung aus den Gas- und Ölvorkommen immer komplizierter wird“, ist sich Hartmut Pick, Pressesprecher des WEG, sicher. Rainer Wittrock bleibt zurückhaltend: „Sollte sich ein Schüler durch dieses Projekt für ein entsprechendes Studium entscheiden und später als Mitarbeiter zu uns kommen, wäre das ein großer Gewinn.“ Seine Branche könne mit diesem Projekt „im besten Sinne Imagewerbung betreiben“ und zum Beispiel das hohe Know-how im Umweltschutz öffentlich machen. Viele Eltern zeigten großes Interesse und wollten kooperierende Unternehmen besichtigen, berichtet Verbandssprecher Pick.
Nun könnte der Eindruck entstehen, die Firmen stellten einen nach ihren Wünschen gestrickten Lehrplan auf. „Das nicht“, entgegnet Chemielehrerin Regina Felschen. „Die Inhalte haben wir drei Kollegen festgelegt und dann geklärt, wo uns Gaz de France unterstützen kann. Hier können wir an praktischen Fragen fächerübergreifend arbeiten – ein großer Vorteil.“ Dafür nimmt das Unternehmen beachtliches Kapital in die Hand. Schließlich stehen auch Besuche im Firmenlabor auf dem Plan, die von mehreren Mitarbeitern begleitet werden. „Die Kosten dafür liegen sicher höher als die 10.000 Euro, die jede Projektschule für Sachmittel erhält“, sagt Sprecher Pick.

(Arbeit an einem so genannten E-Kreuz, das als Bohrlochabschluss dient. Auch solche Anlagen können Schüler bei dem Projekt besuchen)