„Ich habe viele neue Arbeitsmethoden kennen gelernt“
Zum Schuljahr 2006/2007 an Gymnasien neu eingeführtes „Seminarfach“ vermittelt fächerübergreifendes Wissen
Von Kristina Kolbe, Mitglied der Jugendredaktion „liesmich“ (Lingener Tagespost vom 08.03.2007)

„Zunächst war ich skeptisch, ob diese neue Idee sinnvoll realisierbar ist, aber jetzt kann ich sagen: Auf solche Weise zu arbeiten und zu lernen zeigt doch alternative Perspektiven zum herkömmlichen Unterricht auf“, meint Marc Witte, Schüler des Jahrgangs 12 des Franziskusgymnasiums in Lingen. Die Rede ist von einer Neuerung des gymnasialen Lehrplanes, dem so genannten „Seminarfach“.

Seit Beginn dieses Schuljahres ist das Seminarfach an allen niedersächsischen Gymnasien als Ergänzung zum fachbezogenen Unterricht fest in den Stundenplan aller Schüler der Jahrgänge 12 und 13 integriert. Ziel ist, mit unterschiedlichen Arbeitsweisen die kommunikativen und sozialen Kompetenzen der Schüler und somit die Studierfähigkeit zu erweitern. „Im Seminarfach stehen fächerübergreifende Problemstellungen im Vordergrund. Es soll in verschiedene Methoden und Arbeitsformen eingeführt werden“, heißt es im entsprechenden Erlass des Niedersächsischen Kultusministeriums.
Ein Musical zum Thema Taizé studieren u. a. Hendrik Baldauf (am Klavier) und Hendrik Borowski im gleichnamigen Seminarfach am Lingener Franziskusgymnasium ein.

Anders als in den herkömmlichen Fächern Deutsch, Mathe oder Geschichte ändert sich der Themenschwerpunkt im Seminarfach nicht jedes Halbjahr, sondern wird für die gesamte zweijährige Qualifikationsphase – früher Oberstufe genannt – festgelegt. Die Eigenverantwortlichkeit der Schüler sowie das Einbeziehen außerschulischer Lernorte soll dabei besonders berücksichtigt werden. „Die Vernetzung der Schule mit ihrem lokalen und regionalen Umfeld bietet besondere Chancen, Theorie und Praxis zu verbinden“, erläuterte Karl-Heinz Ossing, verantwortlicher Koordinator für die Oberstufe am Franziskusgymnasium, in einem Gespräch mit der Jugendredaktion. Die konkrete Umsetzung steht daher auch in der Eigenverantwortung der jeweiligen Schulen: Am Franziskusgymnasium standen Schülern des Jahrganges 12 dabei fünf Seminarfächer zur Wahl.
Ganz neue Einblicke in die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen unter gesellschaftlichen, literarischen und historischen Aspekten gewannen die angehenden Abiturientinnen Stephanie Bitter, Teresa Stolte und Eva-Maria Siepker (von links) im Seminarfach „Kinder, Kinder“.

In einer Vorauswahl wurde besonders darauf geachtet, dass die Themenschwerpunkte ganz unterschiedliche Profile aufweisen und somit den individuellen Interessen der Schüler entgegenkommen. So werden u. a. bei einem von Schülern aufzuführenden Musical zum Thema „Taizé“ die Fächer Musik und Religion miteinander verbunden. Die Produktion von Kurzfilmen und Veröffentlichungen von Filmanalysen zu „Schule“ und „Alter“ in einem weiteren Seminarfach stellen die Welt des anspruchsvollen Kinos in den Vordergrund. In „Kinder, Kinder“ wird die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen unter gesellschaftlichen, literarischen und historischen Aspekten bearbeitet. Und naturwissenschaftlich Interessierte suchen im fünften Seminar tiefere Einblicke in die Disziplinen Mathematik, Physik, Chemie und Geografie. „Gerade diese Verbindung mehrerer Fächer finde ich sehr interessant, da es recht unterschiedliche und umfassendere Herangehensweisen erfordert. So habe ich eine große Palette an neuen Arbeitsmethoden kennen gelernt“, betonte der Schüler Hendrik Borowski, der im „Taizé“-Seminarfach mitarbeitet.
Allen Seminarthemen gemeinsam ist dabei das Erlernen und Anwenden unterschiedlicher Arbeitsweisen und -methoden in der Informationsbeschaffung und der Präsentation der Ergebnisse. So kann beispielsweise durch Befragungen, Interviews und Recherchen ein Stück außerschulisches Leben in den Unterrichtsalltag eingebracht und dies somit lebendiger werden. Jeder Schüler ist zudem verpflichtet, eine etwa fünfzehnseitige Facharbeit zu schreiben. „Dass nicht der klassische Notendruck im Vordergrund steht, sondern die Priorität im Projektansatz gesehen wird“, resümiert Friederike Kröger (Jahrgang 12), „kann den Teamgedanken unter den Schülern nur stärken.“