"Würde man mir ein Ticket zurück geben ..."
Schülerinnen des Franziskusgymnasiums "in aller Welt"
(Bericht von Mareike Knue; Lingener Tagespost)

„Würde man mir ein Ticket zurück geben, ich würde es sofort nehmen!“, ist Julia T.s tiefe Überzeugung. Gerade erst aus Brasilien zurück denkt sie ähnlich wie die anderen Schüler/innen des Franziskusgymnasiums, die einige Zeit im Ausland verbracht haben. Der zweite Teil unserer Trilogie lässt die Ansichten derer zu Wort kommen, „die über den Tellerrand blicken“, wie Schulleiter Johannes Pruisken es formuliert. Ihm liege sehr daran, dass sich seine Schüler zu einem Auslandsaufenthalt motivieren ließen.
Artur, in Russland geboren, besuchte nun die Stadt Kasan. Julia A.s Familie stammt aus Kasachstan, wohin sie reiste. Beide haben grenzenlose Gastfreundschaft erfahren. „Alle haben sich immer um mich gekümmert und waren so stolz, als ich z.B. einmal eine Deutschstunde geleitet habe“, erinnert sich Julia. Und: Nun könne sie Russisch auch reden, nicht nur verstehen. Wenn ein Lehrer den Raum betrete, stünden kasachische Schüler auf. Exerzieren und Strammstehen gehörten zum Stundenplan. „Viel damit anfangen konnte ich nicht“, erzählt Julia, „aber beängstigend war es keinesfalls.“
Artur hat einmal in Touristenmanier einen orthodoxen Gottesdienst fotografiert, die Türen der Kirche standen schließlich offen, „da hat mich der Pastor rausgeschmissen und völlig aufgeregt den Gottesdienst aufgelöst“, schmunzelt er. Besonders gefallen haben ihm die Picknicknachmittage am meerähnlichen Flussdelta.


Begeistert vom Austausch: Sonja mit ihren kanadischen Gasteltern Kristi und Wells (von links) und ihrem Gastbruder Denovan.
Sonja und Marie-Christin waren in Kanada. „Der Englischunterricht ist nun nicht mehr fordernd“, sagt Sonja. Jede Woche telefoniert sie jetzt noch mit ihrer kanadischen Freundin. Schule haben beide sehr unterschiedlich erfahren. Während Sonja nur vier Fächer hatte, konnte Marie-Christin viel wählen. „Die Lehrer sind eher wie Freunde, die Schüler erzählen ihnen sogar ihre Probleme“, beschreibt sie das Schulklima. Nach der Schule gab es Sport, Videoabende, ab und zu Hauspartys, aber: „Um zehn kommt die Polizei, das war mir zu riskant“, meint Sonja rückblickend.
„Amerikanische Teeniefilme sind sehr aus dem Leben gegriffen“, bestätigt Nina, die in Colorado, USA, war. „Wer gut in Sport ist, ist beliebt, auf den Hauspartys besäuft man sich … Ich empfand die Jugendlichen diesbezüglich dort als unreif, dachte: Eure Phase habe ich bereits hinter mir.“ Gegenüber den USA sei sie immer schon kritisch gewesen, dass die Regierung viel kontrolliere und besonders über die Medien Panik verbreite, könne sie nicht gutheißen. „Aber ich habe eben auch Amerikaner kennen gelernt, die das sehr kritisieren.“ Nina hat das Grab von Buffalo Bill und Indianerdörfer besucht, in heißen Quelle gebadet und war öfter in den Bergen: „Die Rocky Mountains sind sehr schön.“ Die trockene Luft in 3000 m Höhe sei gewöhnungsbedürftig gewesen.

Hat viel von den USA gesehen: Nina Wiese vor der Golden Gate Bridge in San Francisco.

„Es gab keine Situation, in der ich mich nicht verständigen konnte“, beseitigt Julia T. gleich das Argument der Sprachbarriere – und das, obwohl sie vor ihrer Reise nach Brasilien kaum Portugiesisch sprach. Was sie dort vermisst hat? „Richtiges Essen! Ein ordentliches Frühstück, nicht nur Toast mit Mayonnaise. Und jeden Tag gibt es Bohnen und Reis, sogar zu Pizza!“ Was sie nun vermisse, wenn sie zurückdenke? „Alles!“ Inklusive des brasilianischen Essens. Und die Musik. „In Deutschland sind die Straßen so still.“
Julia selbst hat in einem bewachten Wohnpark bei Leuten mit Pool gewohnt, die Armenviertel – Favelas – hätte sie nicht betreten können. „Ein Großteil der Brasilianer lebt im Elend, aber sie sind glückliche, zuversichtliche Menschen. Fußball, Samba und Karneval helfen ihnen, mit dem Alltag klarzukommen“, ist Julias Eindruck.
Illusionen wollen die sechs bei aller Begeisterung nicht aufkommen lassen: „Man muss sich durchbeißen“, weiß Julia T. „Es gibt immer gute und schlechte Zeiten“, schließt sich Nina an, „man darf keine Schwarz-Weiß-Sicht haben, sollte aber seine Ideale nicht ganz aufgeben.“ Aber alle haben auch erfahren: Als Austauschschüler ist man etwas Besonderes.