Neue Geschichten aus dem alten Stoff des Lebens
Unterhaltend und doch mit tiefem Ernst
(Elisabeth Tondera, Lingener Tagespost vom 10.12.08; Fotos: Roman Starke)


Lingen. Kleider machen nicht nur Leute, Kleider machen auch Geschichte. Und sie können Geschichten erzählen. Die junge Praktikantin ahnt nichts davon, als sie ihr Praktikum in dem Secondhand-Laden „Chicsaal“ antritt.
Die Zuschauer im Forum des Franziskusgymnasiums merken schon bei der ersten Kundin, dass „Chicsaal“ kein gewöhnlicher Secondhand-Laden ist:
Das Mädchen braucht einen Pullover, doch es entdeckt ein Ballkleid, und plötzlich füllt sich der Laden mit tanzenden Prinzessinnen, ein Märchenprinz erscheint und fällt vor dem Mädchen auf die Knie. Doch dann kommt die Mutter, und der Traum zerplatzt. Der Pullover wird gekauft, denn für derlei „Firlefanz“ reichen die Kleidermarken nicht.
Es ist eine der vielen Kleidergeschichten, die Seniorinnen aus dem Wohnstift Lingen den Schülerinnen des Seminarfachs Darstellendes Spiel am Franziskusgymnasium erzählten. Die angehenden Abiturientinnen trennten den „Stoff des Lebens“ und fertigten daraus neue Geschichten an.
Unter der Leitung von Laura Freisberg entstand ein Theaterstück, das die Studentin des Instituts für Theaterpädagogik an der Fachhochschule Osnabrück, Standort Lingen, als ihre Abschlussinszenierung präsentierte.
„Stoff des Lebens“ ist eine Szenencollage so bunt und vielfältig wie das Leben, prall gefüllt mit Geschichten, mit ständig wechselnden Szenenbildern, mit Musik, Tanz und Gesang. Spielszenen, chorische Elemente, Choreografien, Schattenspiel, Humor und tiefer Ernst verbinden sich zu einem beeindruckenden, höchst unterhaltsamen Stück, das auch sehr viel zum Nachdenken bietet.
Der inhaltliche Rahmen, ein Tag im Secondhand-Laden, bietet ein sicheres Gerüst für individuellen Gestaltungsspielraum in den einzelnen Szenen. Kleider damals und heute – die junge Praktikantin im „Chicsaal“ wird zunehmend sensibel für die Geschichten, die ihr die alten Kleider erzählen. Und das Publikum erlebt mit, wie die Schneiderin ins Haus kommt, trauert mit einer jungen Soldatenfrau, ärgert sich über die kaputten Seidenstrümpfe vom Schwarzmarkt.
Das ganze Forum wird bespielt. Kleiderständer, Einkaufswagen, Schaufensterpuppen vor und auf der Bühne schaffen eine Secondhand-Laden-Atmosphäre, die Darstellerinnen erscheinen mit bewundernswerter Wandlungsfähigkeit in immer anderen Kostümen und Rollen. Mit umwerfender Spielfreude gestalten sie die Szenen, tanzen, singen, rezitieren.
Der Applaus wollte nicht enden. Schulleiter Johannes Pruisken dankte Laura Freisberg und den Projektteilnehmerinnen. „Aus der Begegnung zwischen den Schülerinnen und den Seniorinnen ist sehr viel Bedeutsames herausgekommen“, stellte er beeindruckt fest.