Lingen. Kleider machen nicht nur Leute, Kleider machen auch Geschichte.
Und sie können Geschichten erzählen. Die junge Praktikantin
ahnt nichts davon, als sie ihr Praktikum in dem Secondhand-Laden „Chicsaal“
antritt.
Die Zuschauer im Forum des Franziskusgymnasiums merken schon bei der
ersten Kundin, dass „Chicsaal“ kein gewöhnlicher Secondhand-Laden
ist:
Das Mädchen braucht einen Pullover, doch es entdeckt ein Ballkleid,
und plötzlich füllt sich der Laden mit tanzenden Prinzessinnen,
ein Märchenprinz erscheint und fällt vor dem Mädchen
auf die Knie. Doch dann kommt die Mutter, und der Traum zerplatzt. Der
Pullover wird gekauft, denn für derlei „Firlefanz“
reichen die Kleidermarken nicht.
Es ist eine der vielen Kleidergeschichten, die Seniorinnen aus dem Wohnstift
Lingen den Schülerinnen des Seminarfachs Darstellendes Spiel am
Franziskusgymnasium erzählten. Die angehenden Abiturientinnen trennten
den „Stoff des Lebens“ und fertigten daraus neue Geschichten
an.
Unter der Leitung von Laura Freisberg entstand ein Theaterstück,
das die Studentin des Instituts für Theaterpädagogik an der
Fachhochschule Osnabrück, Standort Lingen, als ihre Abschlussinszenierung
präsentierte.
„Stoff des Lebens“ ist eine Szenencollage so bunt und vielfältig
wie das Leben, prall gefüllt mit Geschichten, mit ständig
wechselnden Szenenbildern, mit Musik, Tanz und Gesang. Spielszenen,
chorische Elemente, Choreografien, Schattenspiel, Humor und tiefer Ernst
verbinden sich zu einem beeindruckenden, höchst unterhaltsamen
Stück, das auch sehr viel zum Nachdenken bietet.
Der inhaltliche Rahmen, ein Tag im Secondhand-Laden, bietet ein sicheres
Gerüst für individuellen Gestaltungsspielraum in den einzelnen
Szenen. Kleider damals und heute – die junge Praktikantin im „Chicsaal“
wird zunehmend sensibel für die Geschichten, die ihr die alten
Kleider erzählen. Und das Publikum erlebt mit, wie die Schneiderin
ins Haus kommt, trauert mit einer jungen Soldatenfrau, ärgert sich
über die kaputten Seidenstrümpfe vom Schwarzmarkt.
Das ganze Forum wird bespielt. Kleiderständer, Einkaufswagen, Schaufensterpuppen
vor und auf der Bühne schaffen eine Secondhand-Laden-Atmosphäre,
die Darstellerinnen erscheinen mit bewundernswerter Wandlungsfähigkeit
in immer anderen Kostümen und Rollen. Mit umwerfender Spielfreude
gestalten sie die Szenen, tanzen, singen, rezitieren.
Der Applaus wollte nicht enden. Schulleiter Johannes Pruisken dankte
Laura Freisberg und den Projektteilnehmerinnen. „Aus der Begegnung
zwischen den Schülerinnen und den Seniorinnen ist sehr viel Bedeutsames
herausgekommen“, stellte er beeindruckt fest.