Mit dem Werbespruch „Kann eine Romanze sachlich
sein?“, „Wie sieht wohl ein letztes Kapitel der Welt aus?“
und was bedeutet „Müller macht Mut! Möller aber noch
mehr!“, wurde am 16.03.2007 zur Erich-Kästner-Revue im Forum
des Franziskusgymnasiums eingeladen. In Zusammenarbeit mit dem Deutschleistungskurs von Silvia Lühn (De31, Regie) setzte die Theater-Arbeitsgemeinschaftvon Birgit Kampling Anweisungen sowie einige eigene Ideen gezielt um. Neugierig und voller Erwartungen darauf, ob die Revue ihrem in der Zeitung angekündigtem Ruf des gehobenen Niveaus und der trotzdem humorvollen Umsetzung gerecht werden sollte, trafen die Zuschauer im ausverkauften Saal ein. Durch schauspielerische, musikalische und tänzerische Fähigkeit wurden die gesellschaftskritischen und politischen Ansichten Erich-Kästners amüsant und doch zum Teil erschreckend ernsthaft aufgeführt. |
Einige der 12 Gedichte erhielten durch
starke Kontrastierungen dramatische, erschreckende Wendungen, besonders
deutlich wurde dies bereits zu Anfang der Revue. Mit äußerst heiterer und fröhlicher Musik wurde das Stück „ Im Auto über Land“ eingeleitet. Die hinter einer Schattenwand sitzenden Schauspieler vermittelten den Eindruck einer glücklichen Familie. Dieser wurde aber schnell getrübt, als die als „Zombies“ dargestellte Akteure vor die Schattenwand traten und die Zuschauer nicht nur durch ihr Aussehen, sondern auch durch ihre abwertenden Aussagen über ihre „harmonische Familie“, schockten. Das Aufdecken dieser „Schattenwelt“ und die Einsicht über die Leichtgläubigkeit des Menschen, sich durch äußere Umstände täuschen zu lassen, verursachten einen ersten Denkanstoß. Ganz bewusst wurde dieses Stück an den Anfang der Revue gesetzt, um den Zuschauer freundlich zu empfangen, aber zugleich auch deutlich hervorzuheben, dass sich dieser Abend mit ernsthaften und auch traurigen Dingen der Gesellschaft befassen werde. |
So wurden in „Der Pechvogel“ auf musikalische Weise, in „Kurt Schmitt – statt einer Ballade“ durch einen Dialog mit dem Publikum und im „Brief an meinen Sohn“ durch einen Monolog, gescheiterte Persönlichkeiten und Schicksale dargestellt. Besonders das Stück „Kurt Schmitt“ blieb den Zuschauern zum einen wegen des mehrmaligen Auftretens der Figur und zum andern durch den bitter bösen Witz der Szene in Erinnerung. Der Schauspieler begann seinen Dialog sehr freundlich und wirkte durch sein Auftreten komödiantisch. Die einzelnen Bemerkungen zu seinem eher traurigen Schicksal (Familienverlust, Stillstand im Leben, Isolation) erzeugten in Verbindung mit seinem Zweckoptimismus eine sarkastisch, amüsante Atmosphäre. Dem Betrachter wurde sehr schnell deutlich, dass Kurt Schmitt nur auf Grund von Selbstbetrug, durch Illusionierung seines Lebens, existieren konnte. Hierbei bewies der Akteur eine besondere schauspielerische Leistung, indem er alle Facetten der Gefühlswelt ausschöpfte. |
Im weiteren Verlauf des Abends mussten sich die Zuschauer nicht nur mit dem Scheitern zwischenmenschlicher Beziehungen („Der Scheidebrief“, „Sachliche Romanze“ und „Gewisse Ehepaare“), sondern auch mit politischer und gesellschaftlicher Systemkritik („Weihnachtslied – chemisch gereinigt“, „Die Ballade vom Nachahmungstrieb“, „Der synthetische Mensch“ und „Die deutsche Einheitspartei“) auseinander setzten. Diesbezüglich war „Die Einheitspartei“ ein weiters Highlight des Abends. Sehr direkt und ohne jegliche Verschleierung wurde das Gedicht in den passenden Kontext eines Regimes gebracht. Der „Hitler“ in diesem Stück war „Herr Müller“, nicht besonders schlau und ohne politisches Bewusstsein. Doch die Leute folgten seinem Ruf und unterstützen ihn. Parallel zum Vortrag des Gedichtes stellten die Schauspieler die Handlung pantomimisch dar, einzig der Ausruf „MÜLLER!“ wurde in Verbindung mit einem an die NS-Zeit erinnernden Handzeichen lautstark und kraftvoll geäußert. Bei dieser Geste zuckten einige Zuschauer zusammen und erschraken vor der direkten Art. Doch gerade diese direkte und offene Geste offenbarte nochmals die Leichtgläubigkeit der Menschen und die Regimekritik solcher Systeme und besonders das der NS-Zeit, die Kästner mit seinem Gedicht beabsichtigt hatte. Herr Müller wurde mit einer dummen und machtorientierten Persönlichkeit identifiziert, der noch dümmere Anhänger gefolgt und gehorcht haben. |
Einen letzten Höhepunkt
bot „Das letzte Kapitel“ , das den von menschlicher Hand
ausgeführten Untergang der Welt thematisierte. Hierzu wurde eine
seriöse Nachrichtensendung nachgeahmt, die den Untergang der Menschheit
durch Giftgas ankündigte und diesen für den derzeitigen Tag
vorsah. In völlige Dunkelheit gehüllt kamen langsam einige in weißen Anzügen gekleidete Schauspieler von hinten in den Saal und „überrumpelten“ den Zuschauer. Von starkem Flackerlicht begleitet wurde die Bühne in den Zuschauersaal verlegt und das Publikum mit einbezogen. Diese aktive Einbindung in das Untergangsszenario wirkte sehr bedrückend und beängstigend auf den eigentlich passiven Betrachter. Während diese Vorgangs verteilten sich die gesamten Mitwirkenden vor und auf der Bühne und bei gedämpftem Licht bot sich dem Zuschauer beim Anblick der ganzen „Toten“ ein Bild des Grauens. Um die Revue aber dennoch ein wenig zu positivieren und so ein Pendant zum Anfang der Revue zu schaffen, wurde die bedrückende Stille und tote Atmosphäre durch das abermalige Auftreten von Kurt Schmitt durchbrochen. Der Schauspieler stellte bereits durch sein Auftreten eine positive Erscheinung dar und ließ seinen amüsanten Sarkasmus nochmals zur Geltung kommen. So wurde dem Zuschauer die Möglichkeit gegeben, eine aufrüttelnde, kritische Revue mit einem positiven Gefühl zu verlassen. Dennoch wurde die offenkundige Kritik dabei nicht übertönt. |
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Alles in allem haben sich die Mühen und Proben
der Franziskaner sichtlich gelohnt. Als Ergebnis wurde dem Publikum
eine einzigartige, aufregende sowie anspruchsvolle Revue präsentiert,
die dem Schriftsteller Erich Kästner gänzlich gerecht wurde. |
![]() (alle Mitwirkenden) |